Frierende Retter machen den Winter sicher - DLRG-Gruppen üben die Eisrettung
Wie durch trübes Glas spiegelt sich das Licht der Wintersonne in das eiskalte Wasser. Luftblasen tänzeln an dieser Scheibe und lösen sich bei jeder Bewegung in kleinere und größere Tropfen auf. Doch die Füße, die plötzlich mitten vor dem Gesicht des Tauchers strampeln, stören das idyllische Bild abrupt. 25 Einsatzkräfte der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) aus den Gruppen Mannheim, Heidelberg, Hemsbach, Leimen und Heddesheim übten Mitte Januar d.J. die Rettung von im Eis Eingebrochenen.
Den Helfern bietet sich ein in den letzten Jahren seltenes Spektakel. Rund Zwölf Zentimeter dick fror der Hemsbacher Wiesensee, an dem sich die Wasserretter zur kurzfristig anberaumten Übung trafen, in den vergangenen Wochen zu. “Noch vor kurzem konnten unsere Taucher hier mit ihrem Messer die ein paar Zentimeter dicke Eisdecke durchstoßen”, erklärt Thorsten Großstück, Technischer Leiter Wasserrettungsdienst der DLRG Mannheim.
Auch die Mannheimer Seen in der Vogelstang, der Rheinau und die zahlreichen Weiher im Stadtgebiet wiesen eine beachtliche Eisschicht auf, wie Augenzeugenberichte ergeben.
Nun ist schon schweres Gerät erforderlich, um den “Eingebrochenen” und den Einsatztauchern den Weg ins nur wenige Grad warme Wasser zu bahnen. Mit Motorsägen, Äxten, Handsägen und Eisbohrern schneiden die Retter Löcher ins Eis. Sie tragen Rettungswesten oder schwere wasserdichte und schwimmfähige Arbeitsanzüge. Leinen sichern die Einsatzkräfte zum Land hin.
Hin und wieder knackt das Eis trotz seiner rund 17 Zentimeter Dicke beängstigend - die DLRG rät für den BürgerInnen zu Eisdicken von mindestens 15 Zentimetern auf stehenden Gewässern.
Darunter begibt man sich in Lebensgefahr. Gerade wenn einige Personen auf einer kleinen Eisfläche zusammen kommen und zudem Wind, Sonne oder leichte Strömungen, die auch auf Seen anzutreffen sind, herrschen, fehlt schnell die notwendige Tragfähigkeit.
Diese vermeintliche Erfahrung macht auch Rettungsschwimmerin Leticia Sonntag. Ein erstes Platschen und sie schwimmt im Wasser. “Im Ernstfall und in normaler Straßenkleidung würde man innerhalb weniger Minuten auskühlen. Die Kräfte lassen immer weiter nach und irgendwann gerät man unter das Eis. Die Chancen, dann noch gefunden zu werden, sind gering”, findet die 24-jährige klare Worte für dass, was bei so einem Unfall dramatisch enden kann. Und trotz Neopren-Handschuhen sind auch ihre Hände schon ganz klamm.
Ihre Kollegen bringen derweil einen Eisrettungsschlitten und ein Schlauchboot aufs Eis. Zügig bewegen sie sich zu der Eingebrochenen hin. Alles geschieht unter großer Vorsicht, um nicht selbst einzubrechen. Nahe der Bruchstelle werden die Helfer langsamer, legen sich spätestens hier auf den Bauch. “Jedes Rettungsgerät hat für verschiedene Einsatzsituationen seine Vor- und Nachteile. Mit einem Boot habe ich zwar eine hohe Schwimmfähigkeit, kann es aber nur schwer wieder auf eine Eisfläche ziehen, wenn es doch mal eingebrochen ist.” beschreibt Eisretter-Ausbilder Matthias Frick aus Leimen die Schwierigkeiten eines “Person im Eis”-Einsatzes, so der Fachjargon.
Sonntag wird von einem Kollegen mit dem “Eisretter”, einer Luftmatratze mit Gleitschienen, aus dem Wasser gezogen. Der Rettungsschwimmer muss schwer an ihrem Schutzanzug zerren, bis er sie endlich auf der Gummiwulst zum Liegen bringt. Weitere DLRG’ler an Land ziehen den Retter und seine Patientin mit den Sicherungsleinen an Land. Binnen drei Minuten ist die Aktion erfolgreich beendet.
“Auf 5 Metern Tiefe sind es wohlige vier Grad”, ruft bald einer der Taucher aus einem benachbarten Eisloch aus dem er gerade aufgetaucht ist. Ihm sieht man das durch die Kälte verkrampfte Lächeln an. Mehr als 30 Minuten war er unter der Eisdecke “gefangen”. “Aber irgendwann wird es dann noch unangenehm “, schickt er sich mit seiner schweren Tauchflasche an, zum Umziehen in die nahe gelegene Wache zu kommen.
Nach rund vier Stunden Übung auf und unter dem Eis sind die Helfer aus den drei DLRG-Bezirken Mannheim, Rhein-Neckar und Kurpfalz schließlich auch über die Gulaschsuppe und den warmen Tee froh, die in der Wachstation des Wiesensees auf sie warten.
Thorsten Großstück ist mit seinen Kameraden zufrieden. “Unsere Helfer hatten trotz des ernsthaften Themas sichtlich Spaß an der Übung. Klar, auch für uns hat dieser Tag viel mit ausprobieren und erleben zu tun. Aber diese Begeisterung ist für uns Ehrenamtliche natürlich wichtig, um sich über die ein oder andere negative Erfahrung bei unseren Aufgaben hinweg zu trösten. Hoffen wir, dass wir die heute erlernten Techniken diesen Winter nicht mehr brauchen werden”.